Thema 2018

„Forst-Lust der Schule im Spittel-Forste wird concediret“.
Überlegungen zur Datierung des Forstfestes
Text: Thomas Binder, Stadtarchiv Kamenz

Schon viele Heimatforscher haben sich in den zurückliegenden Jahrhunderten darangesetzt, das Alter des Forstfestes näher zu bestimmen. Dabei wurden meist zwei Ortsbezeichnungen angeführt, die auf Anfänge bereits weit im 15. Jahrhundert verweisen könnten. Die Rede ist vom Schülerborn und dem Schülerbüschlein. Landläufig wird diesbezüglich dann stets geschrieben, dass dem einen wie dem anderen Ort in den Stadtbüchern „gedacht“ wird. Allem Anschein nach hat sich aber bislang keiner die Mühe gemacht, tatsächlich einmal die nach wie vor im Stadtarchiv Kamenz bewahrten und bis 1400 zurückreichenden Stadtbücher zur Hand zu nehmen und die betreffenden Einträge eingehend zu studieren.

So ist bereits für das Jahr 1431 der Schülerborn nachweisbar. Im Stadtbucheintrag selbst heißt es, dass Michel Timmendorff sein Haus bei dem Schülerborn und die Schuhbank an dem Tore für 5 Mark Groschen verpfändet hat. Da der Schülerborn immer wieder gern in den Spittelforst verortet wird, muss man sich fragen, wer dort in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts freiwillig ein Haus besessen haben will – weit ab von der Stadt und ohne jeglichen Schutz. Zumal sowohl 1429 als auch gerade 1431 und 1432 die Hussiten das Kamenzer Land in Angst und Schrecken versetzten. Dass dieses Haus einzig als Einkehrstätte der Lehrer und ihrer Schüler gedient haben soll, ist ebenfalls vollkommen abwegig. Überhaupt befand sich der Spittelforst zu dieser Zeit gar nicht im Besitz der Stadt, sondern war Eigentum des Klosters St. Marienstern, so dass dort über das besagte Grundstücksgeschäft hätte verhandelt werden und somit kein Eintrag im Kamenzer Stadtbuch, sondern im klösterlichen Amtsbuch hätte erfolgen müssen. Diese Bücher sind aber leider nicht erhalten geblieben. Allerdings existiert eine Karte von 1804, wonach sich der Schülerborn („Schülerbrun“) vor dem Pulsnitzer Tor befand. Es ist kaum anzunehmen, dass eine Flurbezeichnung derart seinen Standort verändert hat. Was nun das Schülerbüschlein betrifft, so sollte das Stadtbuch für das Jahr 1502 herangezogen werden. Zwar findet dort nur der Verkauf eines Ackers seine Niederschrift. Aber dessen Lage wird dabei sehr ausführlich beschrieben, wonach der Acker im Grund bei der Vogelstange gelegen ist und bis an das „Schuler Puschschelein“ reicht. Mit „Grund“ wird teilweise noch heute das Herrental oder zumindest dessen nordöstlicher Ausgang bezeichnet. Es ist kaum anzunehmen, dass der Acker von dort bis an den Spittelforst gereicht hat. Demnach kann davon ausgegangen werden, dass beide Areale nicht ohne weiteres mit dem klösterlichen Forst in Verbindung gebracht und folglich die überlieferten Jahresangaben nicht für die Datierung des Forstfestes herangezogen werden können. Mit dem Wissen, dass sich die Schule ursprünglich nahe der Pfarrkirche St. Marien befunden haben wird, für die Mitte des 16. Jahrhunderts ist das spätere Archidiakonat belegt, erklärt sich die Lage von Schülerborn in der Pulsnitzer Vorstadt und des Schülerbüschleins im Herrental – also unweit der Schule – viel eher.

Fernerhin werden auch immer wieder Chronisten zitiert, die über das Forstfest berichteten. Doch dies waren Personen, die kurz vor oder deutlich nach 1800 gelebt haben und somit kaum als Zeitzeugen für die Anfänge des Forstfestes herangezogen werden können – sofern das Forstfest tatsächlich schon im 15. oder 16. Jahrhundert seine Wurzeln hat. Doch es will sich im Stadtarchiv trotz der guten Überlieferungslage so recht keine umfängliche Schriftensammlung für dieses doch so bedeutende und alljährlich wiederkehrende Fest finden lassen. Erst mit dem Jahr 1736 setzt eine Aktenreihe ein, bei der jedoch ausgerechnet der erste Band seit mindestens einem Jahrhundert fehlt und demzufolge heute für die Forschung nicht mehr zur Verfügung steht. Für die frühe Zeit kann daher nur ein einziger Stadtchronist als Quelle dienen – Caspar Haberkorn. Dieser war nicht nur Ratsherr und Bürgermeister, sondern vor allem auch Schulmeister. Demnach hätte er über das Kamenzer Forstfest aus erster Hand Nachricht geben können, erwähnt es aber mit keiner Silbe in seiner Ende des 16. Jahrhunderts verfassten Chronik. Entweder erschien es ihm nicht erwähnenswert, oder das Fest oder dessen Vorläufer existierte zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht. Die Chronik Haberkorns führt jedoch zu einer anderen Quellensammlung des (wahrscheinlich frühen) 18. Jahrhunderts, die möglicherweise als Arbeitsgrundlage einer anderen Stadtchronik dienen sollte und in der für das Jahr 1699 das im Titel dieses Aufsatzes genutzte Zitat ermittelt werden konnte. Als Ursprung dieses Hinweises gibt die Quellensammlung etwas verschlüsselt „Archiv. Cament. Haberk. / 1699. fol. 249“ an. Allein worauf sich diese Angabe bezieht, blieb zunächst unklar. Die erste Annahme, es handele sich womöglich um die bis ins Jahr 1700 reichende Fortsetzung der Chronik Haberkorns, bestätigte sich nicht. Dann aber verengte sich der Fokus auf ein sogenanntes Kopiar, in dem Abschriften aus drei Jahrhunderten zusammengefasst wurden und das überschrieben ist mit „Acta publica rei publicae et civitatis Camentianae collecta a Johannes Haberkorn“. Bei diesem Haberkorn handelt es sich wohl um einen Sohn des oben genannten Chronisten, der spätestens seit 1612 selbst im Rat saß und eventuell in diesem Zusammenhang mit der Anlegung dieser Schriftensammlung beauftragt wurde, die heute Teil des Bestandes der Stadtbücher ist. Und tatsächlich findet sich auf besagtem Blatt 249 (Rückseite) der gesuchte Brief. In diesem führt die Äbtissin Ottilia aus, dass „nechst künfftigen Monntag in unsers Gestiffts sogenantten Spital Forste einige Ergötzlichkeiten“ stattfinden sollen, was die Äbtissin erlaubt. Doch weil „vormahls zum öfftern durch abhauung und fällung der Bäume großer Schaden verübet“ wurde, verlangt die Äbtissin, dass diese zukünftig zu unterbleiben haben und „zu einigen unangenehmen Bezeigungen nicht veranlaßet werden möchten“. Dem Schreiben können gleich zwei wichtige Informationen entnommen werden. Einerseits ist es auf den 25. August 1699 datiert und verweist auf die erst am folgenden Montag beginnende Veranstaltung, so dass allem Anschein nach im Ursprung das Forstfest resp. dessen Vorläufer nicht in der Bartholomäuswoche gefeiert wurde. Andererseits zeigt die Wendung „vormahls zum öfftern“, dass das Fest schon zuvor einige Male stattgefunden haben muss.

Dahingehend kann einerseits auf die nach wie vor im Stadtarchiv Kamenz vorhandenen Kämmereiregister zurückgegriffen werden, in denen die Einnahmen und Ausgaben des Rates verzeichnet wurden. Allerdings existieren erhebliche Lücken in dieser Überlieferung, wobei für das Jahr 1699 der betreffende Band ermittelt werden konnte. Dort findet sich unter den Ausgaben (Verehrungen) für das betreffende Jahr folgende Auflistung: „dem Musicanten im Forste – 1 Taler“ und „denen Scholaren im Forste – 2 Taler, 20 Groschen“. Aber ein Blick weiter zurück offenbart, dass tatsächlich schon vorher im (Spittel-)Forst Veranstaltungen abgehalten wurden. So ist bei den Ausgaben (Ausrichtungen und Zehrungsspesen) für 1697 zu lesen: „Septembris 9 – Im Forste: vor 2 Pitschel Bier 1 Taler, 10 Groschen [und] dem Choro Musico 16 Groschen“. Das Datum darf dabei weniger als Termin für die Abhaltung des Festes, sondern vielmehr als Rechnungsschluss nach dessen Beendigung angesehen werden. Der bislang früheste Nachweis zu einer wie auch immer gearteten Veranstaltung „Im Forste“ datiert auf das Jahr 1688. Bis zum Jahr 1681 reichen die Kämmereiregister zurück, bis sich eine größere Lücke offenbart, die erst wieder 1648 endet. Weder bei den Jahrgängen vor 1688 bis 1681 noch vor der Überlieferungslücke konnten trotz intensiver Recherche weitere Hinweise zu Veranstaltungen im Spittelforst ermittelt werden.

Daher wurden andererseits im Archiv des Klosters Sankt Marienstern Recherchen durchgeführt, da dieses Kloster schließlich damals der Eigentümer des besagten Forstes war. Dort existiert auch eine Akte aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die den Spittelforst betrifft. Jedoch bilden zumeist das Hüten des Viehs auf den Wiesen im Forst, das (unerlaubte) Abschneiden von (Birken-)Grün im Forst – ohne direkten Bezug auf das Fest – oder Grenz- und Hutungsangelegenheiten den Gegenstand der Verhandlungen. Somit blieb die Recherche in den dortigen Beständen hinsichtlich des 17. Jahrhunderts zum Forstfest ohne Ergebnis.

Allerdings fanden sich im Staatsfilialarchiv Bautzen Akten im Bestand des Amtsgerichts Kamenz, die ebenfalls Verhandlungen zum klösterlichen Spittelforst beinhalten. Darunter befindet sich auch eine Akte mit der Laufzeit 1715 bis 1717, in der die Errichtung der Laubhütten den alleinigen Gegenstand bildet. In einem Schreiben des Kamenzer Rates vom 1. September 1717 verweist dieser auf die Tradition des Festes der Kamenzer Schuljugend: „Also hoffen wir, daß Ihro Hochwürden und Gnaden, die Jungfrau Abbatissin, unserer Schulen diejenige Freyheit und Forstlust, welche diese bereits in die 250. Jahr her, ohne einige Contradiction, genoßen, fürohin auch nicht mißgönnen werde […].“ Zudem beendet der Rat sein Schreiben mit dem Wunsch: „[…] werde es auch verhoffentlich vorjetzo bei dem alten herkommen verbleiben, und allhiesige Schule in ihrer alten 200 ½ jährigen [wohl zwei Jahrhunderte und ein halbes Jahrhundert] Possess nicht kräncken lassen […].“ Leider lässt es der Rat an dieser Stelle eine detaillierte Beweisführung fehlen, woher sein Wissen bezieht.

Daher sollen die 1680er Jahre weiterhin im Fokus der Untersuchung stehen. So berichtete Friedrich Ferdinand Klix in seiner Monographie zum Forstfest von einer Forstfestfahne, die mit der Jahresangabe 1681 versehen war, aber leider beim letzten großen Stadtbrand verloren ging. Diese Zahl ist der bislang früheste tatsächliche Beleg für das Forstfest. Doch wie kann sie in dessen Kontext gestellt werden? Im Jahre 1680 wütete eine Epidemie, der in Kamenz 1.289 Personen zum Opfer gefallen sein sollen. Unter ihnen war auch der erst im Dezember 1679 ins Amt berufene neue Rektor des Lyzeums, Ehrenfried Rothe. Noch im August 1680 wurde ein neuer Rektor ernannt: Christoph Hartmann. Dieser sollte die Geschicke der Schule für die kommenden 50 Jahre lenken, bis er am 26. Mai 1730 starb. Wie kein anderer Rektor am Lyceum Camenciense prägte er diese Schulanstalt. Gut möglich, dass er gleich zu Beginn seiner Amtseinführung ein Dank- und Erinnerungsfest an das verheerende von Seuche und Hunger gezeichnete Jahr 1680 bzw. den sich daran anschließenden Neuanfang initiierte oder aber ein zuvor bereits bestandenes Schulfest eine neue Bedeutung gab, woraufhin 1681 die Fahne geweiht wurde. Möglicherweise erfolgte erst seit dieser Zeit der Auszug in den Spittelforst. Als dann Hartmann 1730 stirbt, könnte dem Kamenzer Rat erstmals bewusst geworden sein, dass das Forstfest und der Forstzug nur in den Händen des Rektors lag und keine schriftlichen Festlegungen über den Ablauf des inzwischen zur Tradition gewordenen Schulfestes existierten. Das mag sich bereits 1731 offenbart haben, als nämlich der Klosterförster dem Rat mitteilte, dass er die zwei üblichen Hütten nicht aufbauen darf. Allem Anschein nach nutzte das Kloster St. Marienstern den Tod des – vermeintlichen – Hauptorganisators und geistigen Vaters, um das wohl inzwischen ausufernde Fest in die Schranken zu weisen. So ist einer Abschrift der Ratsprotokolle zu entnehmen, dass der Schule der Zug in den Forst dann doch noch erlaubt wurde, sie aber selbst für den Aufbau der Hütten Sorge zu tragen „jedoch alle Excesse dabey zu vermeiden“ hatte. Außerdem erhielt der Förster aus dem Kloster den Befehl, „daß er sich wie vor und nach bey diesem Forst-Zuge bezeigen solle“. Da 1730 jedoch der seit 1693 amtierende Stellvertreter Hartmanns, Konrektor Gottlob Lindner, das Rektorenamt übernahm, sah der Rat vorerst keine Veranlassung, in die Organisation des Festes einzugreifen. Lindner starb 1737 und mit Johann Gottfried Heinitz folgte ein Rektor, der neu in die Stadt kam und über die lokalen Traditionen und Bräuche erst instruiert werden musste. Um zukünftig das Fest besser vorbereiten und durchführen zu können, sorgt erst jetzt der Rat für die Anlegung der Akten, die mit dem Jahr 1736 einsetzen.

Ohne Frage; diese Thesen – obwohl schlüssig – bedürfen eines abschließenden auf zeitgenössischen Quellen beruhenden Zeugnisses. Aber dieses fehlt im Grunde auch allen anderen, bisherigen Ausführungen zur Geschichte des Forstfestes. Allerdings wurde sich bezüglich des neuen Forschungsansatzes wieder einmal intensiv mit der Quellenlage befasst. So wird unter anderem behauptet, dass das Forstfest auf das Kirchweihfest zurückgeht. Dem steht jedoch eine Abschrift der Ratsprotokolle von 1741 entgegen, wonach erst am 18. August des Jahres festgesetzt wurde, dass „künfftig hin der Forst und die Kirch Meß allemal in einer Woche gehalten werden“. Und da, wie eingangs erwähnt, das Forstfest ursprünglich nicht in der Bartholomäuswoche stattfand, wird es erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auf diesen Termin, der wohl eher mit dem Kirchweihfest in Verbindung stand, gerückt sein.

2017: Mögen noch in später Zeit Forstfestlieder tönen. Oder: Von einer (fast) alltäglichen Recherche im Stadtarchiv Kamenz

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2014: Kamenz und seine Bürgerschule- Gedanken zum 170. Jubiläum der Schulhausweihe

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2013: Die lange Tradition des Schießens auf den Vogel in Kamenz. Ein kurzer Rückblick aus Anlass des 60. Adlerschießens der Lehrer und Gäste

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