
2011: 100 Jahre Fliegen
2010: 100 Jahre Lessingschule
von Helmut Münstermann
Bereits im Jahr 2004 begingen wir ein einhundertjähriges Jubiläum und jetzt schon wieder?
Tatsächlich gehen die Wurzeln der Schule in das Jahr 1904 zurück. Damals war die Zeit in Kamenz, wie vielerorts in Deutschland, herangereift, die Bildung auf ein höheres Niveau zu heben. Gründe lagen in der industriellen Entwicklung des Landes und in unserem Fall wohl auch in der Tatsache, dass Kamenz eine Garnisonsstadt war.
Die Realschule mit Progymnasium, so lautete der offizielle Name, wurde gegründet, ohne dass es dafür ein Gebäude gab. Unterrichtet hatte man in Räumen der Bürgerschule, heute 1. Mittelschule, und im Rathaus.
Währenddessen erarbeiteten die Gebrüder Kießling aus Dresden die Baupläne für ein neu zu errichtendes Schulhaus. Als Standort fasste man zunächst ein Grundstück in der Nähe der Klosterkirche ins Auge, etwa dort, wo sich heute das Lessingmuseum befindet. Schließlich entschied man aber doch, Bürger- und Höhere Schule auch räumlich zu trennen und legte im Mai 1909 den Grundstein in der Henselstraße. Es sollte nur ein reichliches Jahr dauern und die Schüler nahmen in feierlichem Zug ihren Weg vom Schulplatz in ihre neue Schule. Das war im Oktober 1910. Deshalb ist 2010 also ein Jubiläumsjahr für Kamenz und seine Lessingschule.
Mit Ehrfurcht stehen wir heute vor dem Haus Henselstraße 14. Die Zeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren mit Sicherheit keine goldenen. Die Kamenzer Bürgerschaft scheute aber keinen finanziellen Aufwand und ließ die Architekten nicht nur ein zweckmäßiges und einfaches Gebäude errichten, sondern ein das Stadtbild prägendes Haus im Jugendstil. Diese Kunstrichtung war die Reaktion auf bedingt durch die industrielle Produktion immer nüchterner werdende Formen. Heute noch bzw. wieder kann man in der Aula die dekorative Ausgestaltung mit wunderschöner Ornamentik bewundern. Diese war zwischenzeitlich aus der Mode gekommen und daher mit gelber Farbe übermalt worden. 1992, während der umfangreichen Rekonstruktion des Gebäudes, konnte der Originalzustand wiederhergestellt werden.
Steht man vor dem Eingangsportal, so liest man das Wort „Lessingschule“. Das war der Name zu Zeiten des Progymnasiums, der Oberrealschule (ab 1925), der erweiterten Oberschule in DDR-Zeiten und des Gymnasiums ab 1992.
Rechts vom Eingang um die Ecke ist ein kleines Sandsteinrelief angebracht. An dieser Stelle im Haus war der Kartzer untergebracht. Ein einsitzender Schüler deutet darauf hin. Außerdem ist das Fenster etwas höher als die übrigen, damit niemand während seiner Strafzeit Blickkontakt mit der Außenwelt aufnehmen konnte. Wann der Kartzer abgeschafft wurde, ist nicht bekannt, über eine Wiedereinführung wird nicht nachgedacht. Das sollen alle Schüler wissen, die sich zukünftig für dieses Gymnasium entscheiden.
Vieles, fast alles, hat sich im Inneren des Gebäudes verändert. Die Unterrichtsräume sind modern ausgestattet und auf neuestem Stand. Trotzdem findet man immer wieder Zeugen der Vergangenheit. Beispielsweise gibt es im Bereich Physik noch so manches Gerät aus den Anfangszeiten der Schule, säuberlich beschriftet von Professor Muhle, dem ersten Schulleiter. Da könnte man sich den Grundstock für ein kleines Kamenzer Schulmuseum gut vorstellen.
Gebaut wurde in der Lessingschule fast immer. Da verwandelte sich ein Unterrichtsraum im Keller in ein kleines Lehrschwimmbecken, in dem viele Kamenzer das Schwimmen gelernt haben, und dann wieder in einen Gymnastikraum. Die Hausmeisterwohnung machte einem großzügigen Zeichenzimmer und modernen Dusch- und Umkleideräumen Platz. Das Chemiezimmer zog aus dem Erdgeschoss in die zweite Etage, dafür das Biologiekabinett in die erste Etage usw.
Was immer blieb ist die imposante Architektur mit dem gewaltigen Dach, welches zwei Stockwerke umbauten Raums umfasst, die all die Jahre kaum genutzt wurden und deren Existenz lediglich der Schönheit und Ausgewogenheit des Bauwerks diente. Jedem, der die Gelegenheit bekommt, kann der Autor nur empfehlen, einmal auf den Turm zu steigen und von dort unsere wunderschöne Gegend mit den früchteschweren Feldern, der Elster, die am Wehr rauscht, den engen Gassen unserer lieben Heimatstadt und dem weit ins Land schauenden Turm von St. Marien zu betrachten. Mögen noch in ferner Zeit nicht nur Forstfestlieder klingen, sondern auch wissensdurstige Gymnasiasten unsere gute alte Lessingschule mit Freude und Erfolg besuchen.
2010: Der Lessingturm auf dem Hutberg Kamenz
von Gunter Eisold
Der uns Kamenzern bekannte und beliebte Hausberg - der Hutberg – ist weitläufig nicht der einzige Berg diesen Namens. „Hutberge“, wie auch „Gickelsberge“ und „Wachberge“, ermöglichten weite Ausblicke in die Umgebung. Hier in unserer Gegend standen diese Berge entlang der „Hohen Straße“ miteinander in Sichtbeziehung. Bereits 1445 erscheint in einer Kamenzer Urkunde der Name Hutberg. Die Besonderheit des Kamenzer Hutberges ist, dass Wilhelm Weiße – Königlich-Sächsischer Hoflieferant – den Grundstein der heutigen Parkanlage schuf. Davor war es ein kahler Berg mit Weideflächen.
Dennoch, bevor Wilhelm Weiße mit seinen Anpflanzungen begann, war der Berg schon Anziehungspunkt der Kamenzer Bevölkerung. Ein sommerliches Schankzelt fand um 1836 regen Zuspruch. 1852 wurde durch den Stadtrat angeregt, wie in anderen Städten praktiziert, auf dem Berg ein massives Häuschen oder ein Türmchen zu errichten. Das scheiterte aber an der Ablehnung der Mehrheit der Stadtverordneten.
1858, im April, kam es zur Gründung des „Hutberg-Thurmbau- Vereins“, in dem maßgeblich Kamenzer Stadträte vertreten waren, wie der Bürgermeister Wilhelm Eichel, Apotheker Wilhelm Leiblin, Kaufmann Carl Gottlieb Francke, Seilermeister Wilhelm Endrich und Stadtkämmerer Moritz Hensel.
Zunächst wollte man aus Geldmangel nur den Bau eines 25-30 Ellen hohen hölzernen Schaugerüstes. Doch dazu kam es nicht. In der Vereinssitzung des „Hutberg-Thurmbau-Vereins“ am 26.10.1863 teilte Stadtrat Wilhelm Endrich mit, dass Baumeister Mörbitz einen Bauplan für den Turmbau mit Kostenvoranschlag der Stadt vorlegt hat. Nun wurden durch Initiative des Vereins Spendensammlungen durchgeführt, um an das benötigte Geld zu kommen. Somit konnte am Mittwoch, dem 30. März 1864, die Grundsteinlegung stattfinden. Weitere Spenden der Kamenzer Bürgerschaft und die Unterstützung von Handwerkern förderten den Bau.
Am 21. August 1864, dem Sonntag vor dem Forstfest, fand die feierliche Eröffnung des neu erbauten Aussichtsturmes auf dem Kamenzer Hutberg statt. Ihm wurde der Name „Lessingthurm“ gegeben. Noch 31 Jahre vergingen, bis 1895 die heutige Hutberggaststätte eingeweiht wurde. Somit war der Hutberg für viele Kamenzer Bürger und Besucher ein beliebtes Ziel und Anziehungspunkt für Wanderungen, Erholung und Vergnügungen.
Nach über 150 Jahren Standzeit des Lessingturmes nagte der Zahn der Zeit am Bauwerk. Das Mauerwerk aus heimischem Granit, der obere Turmteil aus Ziegeln gemauert und der Zinnenkranz aus behauenen Granitteilen sind in die Jahre gekommen und bedürfen einer grundlegenden Sanierung.
Auch der den Turm umgebende Wald ist in dessen Höhe gewachsen, so hoch, dass die Fernsicht, insbesondere in die nördliche Richtung eingeschränkt ist. Daher wurde auf Vorschlag des 1997 gegründeten Fördervereins Hutberg Kamenz e.V. an die Stadt Kamenz durch die Stadträte am 5. November 2008 beschlossen, den Turm zu sanieren und gleichzeitig um 6 Meter zu erhöhen. Ebenso wie unsere Vorfahren engagieren sich viele Kamenzer, Firmen, Organisationen und Interessierte mit Spenden. Dazu kommen ein Eigenanteil der Stadt Kamenz und Fördermittel aus dem Programm zur Förderung von Infrastrukturmaßnahmen der Kommunen im Freistaat Sachsen.
Die Arbeiten am Lessingturm sind abgeschlossen. Am Freitag, dem 20. August 2010, findet um 15 Uhr die feierliche Einweihung des neu gestalteten Hutbergturmes statt. Dann ist der Kamenzer Hutberg um eine Besonderheit reicher.



