2011: 100 Jahre Fliegen

von Thomas Binder
 
Das Flugwesen, es entwickelt sich - Von den Höhen und Tiefen eines Menschheitstraumes in Kamenz.
 
Bereits vor dem Start von Oswald Kahnts Grade-Eindecker am 26. März 1911 vom Kassernenhof der Kamenzer Garnision gab es Überlegungen zum Bau eines Ankerplatzes für Luftschiffe in der Stadt. Am 13. September 1909 stellte dazu die "Deutsche Luftschiffahrt-Gesellschaft eGmbH" einen Antrag bei der Stadt, der jedoch aufgrund von Platzmangel und Flugsicherheit abgelehnt wurde. Dennoch gelang es Kamenz mit den Flügen Oswald Kahnts in seinem Grade-Eindecker, zwei Jahre später die ersten Schau-, Unterrichts- und Passagierflüge in der Oberlausitz abzuhalten. Allerdings blieben im Anschluss weitere Erfolge aus, so dass letztendlich Bautzen am 14. September 1913 auf Anregung des Königlich Sächsischen Vereins füpr Luftfahrt der erste sächsische Flugstützpunkt mit Flugzeughalle eingeweiht werden konnte.
 
Eine neue Gelegenheit ergab sich für die Stadt Kamenz, als (Der erste Weltkrieg war gerade ausgebrochen!) mit Schreiben vom 20. November 1915 der Königliche Bauausschuss für Fliegerstationen mit dem Vorschlag zur Errichtung einer Fliegerstation an die Stadt herantrat. Der Exerzierplatz in Jesau bot die besten Voraussetzungen. Das Projekt umfasste die Errichtung von acht Flugzeughallen, einem Gleisanschluss, Werftgebäude, Lagerschuppen, Kellselhaus und Werkstätten sowie einem Wirtschaftsgebäude und einer Offiziersspeiseanstalt (folgten bis 1920) als auch Kasernen, zwei Gebäuden für Verwaltung und Unterkünfte für 300 Unteroffiziere und Soldaten, die aber aufgrund des Kriegsendes von 1918 nicht ausgeführt wurden. Ende Mai 1918 feierte der Kamenzer Stadtrat die Fertigstellung der Eisenbahnanbindung der Fliegerstation mit einer Sonderfahrt und einer anschließenden Begehung der dort bereits errichteten Gebäude - trotz aller Schwierigkeiten, die der noch immer wütende Erste Weltkrieg mit sich brachte. Ein halbes Jahr später endete der Weltkrieg mit einer Niederlage für das Deutsche Reich. Der Versailler Vertrag sah im Artikel 198 vor: "Die bewaffnete Macht Deutschlands darf keine Land- oder Marine-Luftstreikkräfte umfassen". Daraufhin begann auch in Kamenz der systematische Abriss der bestehenden Anlagen; d.h. der acht Flugzeughallen sowie der Flugzeugwerft.
 
Mit der Gründung des Lausitzer Flugvereins, Sitz Kamenz, im Sommer 1927 begann die Renaissance des Flugwesens in Kamenz. Schon wenige Wochen nach der Anmeldung des Vereins fand auf dem Flugplatz ein erster Flugsporttag statt, der zusammen mir der "Aero Express Luftbetriebsgesellschaft Leipzig" ausgerichtet wurde, die dazu mit drei Flugzeugen anreiste. In Folge stellte sich der "Lausitzer Flugverein - Sitz Kamenz" die Aufgabe, eine eigene Flugzeughalle zu errichten und Segelflugzeuge zu bauen. Das Interesse für das Fliegen wuchs. So musste auch der Lausitzer Flugverein den Flugplatz und vor allem die wenigen zur Unterbringung ihrer Flugapparate geeigneten Gebäude seit 1930/31 mit einer Segelfliegergruppe teilen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten gingen die Planungen hinsichtlich des Flugplatzes dahin, diesen wieder einer militärischen Nutzung zukommen zu lassen. So kam es 1934 zur Einquartierung einer in Kamenz aufzubauenden Fliegerbauschule, die Mitte 1935 in Reichs-Segelflug-Bauschule umbenannt wurde. Spätestens mit der Stationierung der Jagdfliegerschule 1 im Januar 1940 wurde das Gelände seiner neuen militärischen Bestimmung übergeben. Im März 1940 folgte die Flugzeugführerschule A/B 117 und bis 1944 diente der Fliegerhorst zudem der Luftkriegsschule1 (Dresden) als Arbeitsflugplatz für die Ausbildung von Jagdfliegern. Zusätzlich diente der Flugplatz Kamenz 1944/45 als Erprobungsstelle der Aspera GmbH für Luftschrauben. Ende März 1945 wurde Kamenz Frontgebiet, was die Stationierung von Kampfeinheiten der Luftwaffe zur Folge hatte. Bereits am 20. April 1945 erfolgte die Sprengung weiter Teile der Anlagen und Einrichtungen des Flugplatzes durch Pioniere der Luftwaffe. Die noch bestehenden Bebäude wurden 1948 durch sowjetische Pioniereinheiten gesprengt bzw. abgerissen.
 
Erst die Wiederbewaffnung Europas führte 1952 zur Reanimierung des Flugplatzes Kamenz, in dem das streng bewachte Gelände von der Sowietarmee durch die Kasernierte Volkspolizei (KVP) übernommen wurde. Zwischen 1953 und 1955 erfolgte der Aufbau und die Inbetriebnahme eines Wachgebäudes, zweier Flugzeughallen, der Luftleitung, des Tanklagers, des Stabs- und eines Unterkunftsgebäudes sowie der Küche (bis 1988 folgten ein Lehrgebäude mit Hörsaal [1973], ein Wohnheim [1977], ein Unterkunftsgebäude und die befestigte Start- und Landebahn [1985], ein neues Lehrgebäude [1987] und ein großes Unterkunftsgebäude [1988]. Schon in der zweiten Jahreshälfte 1952 trafen die ersten Rekruten zum Beginn der theoretischen Ausbildung ( in Cottbus) und das technische Personal zur Wartung der Ausbildungsflugzeuge Jak-18 ein. Am 3. Januar 1955 kam es zur eigentlichen Gründung der KVP-Luft mit 100 Flugschülern des Fliegerausbildungs-Geschwaders 1 (mit Gründung der Luftstreitkräfte der NVA erfolgte die Umbenennung in Fliegerausbildungs-Geschwader 10). Im November 1972 begann die Ausbildung der Piloten für die Transportflieger der Luftstreitkräfte.
 
Aufgrund der politischen Umwälzungen in der DDR kam es im Juli/August 1991 zur Schließung der Offiziershochschule der LSK/LV und zur Bildung einer Außenstelle der Technischen Universität Dresden auf dem Flugplatz für die Fortsetzung des Studiums ehemaliger Offiziersschüler. Bereits im Sommer 1991 erfolgte die Öffnung des Verkehrslandeplatzes (Erteilung der Zulassung bereits am 2. August 1991) in Verbindung mit einer Zwischenlandung von 160 Flugzeugen im Rahmen des Deutschlandfluges aus Anlass des Lilienthal-Jubiläums und "80 Jahre Deutschlandflug". Im November 2003 erwarb die Flugplatz Kamenz GmbH den Flugplatz vom Bundesvermögensamt, und im Jahr darauf beschloss die Gesellschaft die Ausschreibung für die Betreibung des Flugplatzes sowie den Verkauf von Teilflächen des Flugplatzes und wurde zeitgleich als Eigentümer ins Grundbuch eingetragen. Zudem erklärte der Stadtrat und Kreisrat nach dem Zuschlag in der Ausschreibung ihre Zustimmung für eine künftige Betriebsführung durch den Fliegerclub Kamenz e.V., der mit Wirkung vom 1. Januar 2005 durch das Regierungspräsidium als neuer Betreiber bestätigt wurde. Heute sind auf dem Flugplatz 20 Firmen, Gesellschaften und Vereine ansässig und nach wie vor erfolgt eine Ausbildung von Flugschülern.
 
Thomas Binder
Stadtarchivar

 

2010: 100 Jahre Lessingschule

Lessingschule Kamenz

von Helmut Münstermann

Bereits im Jahr 2004 begingen wir ein einhundertjähriges Jubiläum und jetzt schon wieder?

Tatsächlich gehen die Wurzeln der Schule in das Jahr 1904 zurück. Damals war die Zeit in Kamenz, wie vielerorts in Deutschland, herangereift, die Bildung auf ein höheres Niveau zu heben. Gründe lagen in der industriellen Entwicklung des Landes und in unserem Fall wohl auch in der Tatsache, dass Kamenz eine Garnisonsstadt war.

Die Realschule mit Progymnasium, so lautete der offizielle Name, wurde gegründet, ohne dass es dafür ein Gebäude gab. Unterrichtet hatte man in Räumen der Bürgerschule, heute 1. Mittelschule, und im Rathaus.

Währenddessen erarbeiteten die Gebrüder Kießling aus Dresden die Baupläne für ein neu zu errichtendes Schulhaus. Als Standort fasste man zunächst ein Grundstück in der Nähe der Klosterkirche ins Auge, etwa dort, wo sich heute das Lessingmuseum befindet. Schließlich entschied man aber doch, Bürger- und Höhere Schule auch räumlich zu trennen und legte im Mai 1909 den Grundstein in der Henselstraße. Es sollte nur ein reichliches Jahr dauern und die Schüler nahmen in feierlichem Zug ihren Weg vom Schulplatz in ihre neue Schule. Das war im Oktober 1910. Deshalb ist 2010 also ein Jubiläumsjahr für Kamenz und seine Lessingschule.

Mit Ehrfurcht stehen wir heute vor dem Haus Henselstraße 14. Die Zeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren mit Sicherheit keine goldenen. Die Kamenzer Bürgerschaft scheute aber keinen finanziellen Aufwand und ließ die Architekten nicht nur ein zweckmäßiges und einfaches Gebäude errichten, sondern ein das Stadtbild prägendes Haus im Jugendstil. Diese Kunstrichtung war die Reaktion auf bedingt durch die industrielle Produktion immer nüchterner werdende Formen. Heute noch bzw. wieder kann man in der Aula die dekorative Ausgestaltung mit wunderschöner Ornamentik bewundern. Diese war zwischenzeitlich aus der Mode gekommen und daher mit gelber Farbe übermalt worden. 1992, während der umfangreichen Rekonstruktion des Gebäudes, konnte der Originalzustand wiederhergestellt werden.

Steht man vor dem Eingangsportal, so liest man das Wort „Lessingschule“. Das war der Name zu Zeiten des Progymnasiums, der Oberrealschule (ab 1925), der erweiterten Oberschule in DDR-Zeiten und des Gymnasiums ab 1992.

Rechts vom Eingang um die Ecke ist ein kleines Sandsteinrelief angebracht. An dieser Stelle im Haus war der Kartzer untergebracht. Ein einsitzender Schüler deutet darauf hin. Außerdem ist das Fenster etwas höher als die übrigen, damit niemand während seiner Strafzeit Blickkontakt mit der Außenwelt aufnehmen konnte. Wann der Kartzer abgeschafft wurde, ist nicht bekannt, über eine Wiedereinführung wird nicht nachgedacht. Das sollen alle Schüler wissen, die sich zukünftig für dieses Gymnasium entscheiden.

Vieles, fast alles, hat sich im Inneren des Gebäudes verändert. Die Unterrichtsräume sind modern ausgestattet und auf neuestem Stand. Trotzdem findet man immer wieder Zeugen der Vergangenheit. Beispielsweise gibt es im Bereich Physik noch so manches Gerät aus den Anfangszeiten der Schule, säuberlich beschriftet von Professor Muhle, dem ersten Schulleiter. Da könnte man sich den Grundstock für ein kleines Kamenzer Schulmuseum gut vorstellen.

Gebaut wurde in der Lessingschule fast immer. Da verwandelte sich ein Unterrichtsraum im Keller in ein kleines Lehrschwimmbecken, in dem viele Kamenzer das Schwimmen gelernt haben, und dann wieder in einen Gymnastikraum. Die Hausmeisterwohnung machte einem großzügigen Zeichenzimmer und modernen Dusch- und Umkleideräumen Platz. Das Chemiezimmer zog aus dem Erdgeschoss in die zweite Etage, dafür das Biologiekabinett in die erste Etage usw.

Was immer blieb ist die imposante Architektur mit dem gewaltigen Dach, welches zwei Stockwerke umbauten Raums umfasst, die all die Jahre kaum genutzt wurden und deren Existenz lediglich der Schönheit und Ausgewogenheit des Bauwerks diente. Jedem, der die Gelegenheit bekommt, kann der Autor nur empfehlen, einmal auf den Turm zu steigen und von dort unsere wunderschöne Gegend mit den früchteschweren Feldern, der Elster, die am Wehr rauscht, den engen Gassen unserer lieben Heimatstadt und dem weit ins Land schauenden Turm von St. Marien zu betrachten. Mögen noch in ferner Zeit nicht nur Forstfestlieder klingen, sondern auch wissensdurstige Gymnasiasten unsere gute alte Lessingschule mit Freude und Erfolg besuchen.

2010: Der Lessingturm auf dem Hutberg Kamenz

Lessingturm Kamenz

von Gunter Eisold

Der uns Kamenzern bekannte und beliebte Hausberg - der Hutberg – ist weitläufig nicht der einzige Berg diesen Namens. „Hutberge“, wie auch „Gickelsberge“ und „Wachberge“, ermöglichten weite Ausblicke in die Umgebung. Hier in unserer Gegend standen diese Berge entlang der „Hohen Straße“ miteinander in Sichtbeziehung. Bereits 1445 erscheint in einer Kamenzer Urkunde der Name Hutberg. Die Besonderheit des Kamenzer Hutberges ist, dass Wilhelm Weiße – Königlich-Sächsischer Hoflieferant – den Grundstein der heutigen Parkanlage schuf. Davor war es ein kahler Berg mit Weideflächen.

Dennoch, bevor Wilhelm Weiße mit seinen Anpflanzungen begann, war der Berg schon Anziehungspunkt der Kamenzer Bevölkerung. Ein sommerliches Schankzelt fand um 1836 regen Zuspruch. 1852 wurde durch den Stadtrat angeregt, wie in anderen Städten praktiziert, auf dem Berg ein massives Häuschen oder ein Türmchen zu errichten. Das scheiterte aber an der Ablehnung der Mehrheit der Stadtverordneten.

1858, im April, kam es zur Gründung des „Hutberg-Thurmbau- Vereins“, in dem maßgeblich Kamenzer Stadträte vertreten waren, wie der Bürgermeister Wilhelm Eichel, Apotheker Wilhelm Leiblin, Kaufmann Carl Gottlieb Francke, Seilermeister Wilhelm Endrich und Stadtkämmerer Moritz Hensel.

Zunächst wollte man aus Geldmangel nur den Bau eines 25-30 Ellen hohen hölzernen Schaugerüstes. Doch dazu kam es nicht. In der Vereinssitzung des „Hutberg-Thurmbau-Vereins“ am 26.10.1863 teilte Stadtrat Wilhelm Endrich mit, dass Baumeister Mörbitz einen Bauplan für den Turmbau mit Kostenvoranschlag der Stadt vorlegt hat. Nun wurden durch Initiative des Vereins Spendensammlungen durchgeführt, um an das benötigte Geld zu kommen. Somit konnte am Mittwoch, dem 30. März 1864, die Grundsteinlegung stattfinden. Weitere Spenden der Kamenzer Bürgerschaft und die Unterstützung von Handwerkern förderten den Bau.

Am 21. August 1864, dem Sonntag vor dem Forstfest, fand die feierliche Eröffnung des neu erbauten Aussichtsturmes auf dem Kamenzer Hutberg statt. Ihm wurde der Name „Lessingthurm“ gegeben. Noch 31 Jahre vergingen, bis 1895 die heutige Hutberggaststätte eingeweiht wurde. Somit war der Hutberg für viele Kamenzer Bürger und Besucher ein beliebtes Ziel und Anziehungspunkt für Wanderungen, Erholung und Vergnügungen.

Nach über 150 Jahren Standzeit des Lessingturmes nagte der Zahn der Zeit am Bauwerk. Das Mauerwerk aus heimischem Granit, der obere Turmteil aus Ziegeln gemauert und der Zinnenkranz aus behauenen Granitteilen sind in die Jahre gekommen und bedürfen einer grundlegenden Sanierung.

Auch der den Turm umgebende Wald ist in dessen Höhe gewachsen, so hoch, dass die Fernsicht, insbesondere in die nördliche Richtung eingeschränkt ist. Daher wurde auf Vorschlag des 1997 gegründeten Fördervereins Hutberg Kamenz e.V. an die Stadt Kamenz durch die Stadträte am 5. November 2008 beschlossen, den Turm zu sanieren und gleichzeitig um 6 Meter zu erhöhen. Ebenso wie unsere Vorfahren engagieren sich viele Kamenzer, Firmen, Organisationen und Interessierte mit Spenden. Dazu kommen ein Eigenanteil der Stadt Kamenz und Fördermittel aus dem Programm zur Förderung von Infrastrukturmaßnahmen der Kommunen im Freistaat Sachsen.

Die Arbeiten am Lessingturm sind abgeschlossen. Am Freitag, dem 20. August 2010, findet um 15 Uhr die feierliche Einweihung des neu gestalteten Hutbergturmes statt. Dann ist der Kamenzer Hutberg um eine Besonderheit reicher.